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28.02.2006 15:54 Alter: 13 yrs
Kategorie: Allgemein
Von: Rita Stingl und Anke Lang

Tödliche Atemnot


Unbekannte Volkskrankheit COPD - Sterberate steigt

Die Krankheit schleicht sich langsam in das Leben der Betroffenen. Erst geht ihnen die Puste aus beim Treppensteigen, dann schon bei der Hausarbeit und schließlich auch, wenn sie nur ruhig im Bett liegen. COPD (Chronic Obstructive Pulmonary Disease) ist eine Lungenkrankheit, die nur wenige kennen. Obwohl geschätzte fünf bis acht Millionen Menschen allein in Deutschland daran leiden.

Bis zum Jahr 2020 wird die Krankheit weltweit die dritthäufigste Todesursache sein, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

"Diese COPD ist im Bewusstsein der Menschen nicht drin", stellt auch der Lungenspezialist und Medizinische Direktor der Fachklinik Bad Reichenhall, Wolfgang Petro, fest, "wahrscheinlich, weil Husten, Auswurf und Atemnot lange Zeit als normal angesehen werden, zum Leben dazugehörend." Dazu komme, dass man Atemnot und damit einhergehende Leistungseinschränkung wunderbar umgehen könne. "Man benutzt die Rolltreppe, man benutzt den Fahrstuhl." Daraus entstehe ein gefährlicher Kreislauf für die Patienten. "Die Muskeln werden immer schwächer, der Bauch wird immer dicker, die Luftnot kommt immer eher, der Patient bewegt sich gar nicht mehr zum Schluss."

Hauptursache: Zigarettenrauch

Hinter dem Begriff "Chronisch Obstruktive Lungenerkrankung" verbergen sich mehrere krankhafte Veränderungen der Atemwege, die vor allem durch Zigarettenrauch ausgelöst werden. Viele COPD-Patienten leiden an einem so genannten Emphysem. Dabei zerstören entzündliche Prozesse immer mehr Lungenbläschen, die für den Austausch der Atemluft und die Sauerstoffversorgung zuständig sind. Außerdem haben viele COPD-Erkrankte eine chronische Bronchitis, eine Entzündung der oberen Atemwege. Beide Krankheitsformen führen zu Luftnot und sind überwiegend nicht mehr rückgängig zu machen.

In einem fortgeschrittenen Stadium der Krankheit ist ein normales Leben kaum noch möglich - rund um die Uhr quält Atemnot die Patienten. "Ich werde nachts wach, weil ich keine Luft mehr kriege", sagt Dieter Ferdinand aus München, der seit Jahren an COPD leidet. "Und das ist eine Luftnot, die holt sie aus dem tiefen Schlaf raus." Wenn er zusätzlich einen Infekt habe, könne das vier oder fünf Mal pro Nacht passieren.

Sauerstoff als Therapie

Viele COPD-Patienten sind auf Sauerstoffzufuhr angewiesen. Auch Wilhelm Rohe aus Werne. Seinen Beruf als Postbote musste er im Alter von 49 Jahren aufgeben, weil seine Lungen nicht mehr genug Luft aufnehmen konnten. "Mein Lungenvolumen, mein Restvolumen ist 27 Prozent und ohne Sauerstoff könnte ich wahrscheinlich nicht mehr leben", sagt er. "Zumindest nicht so, ich könnte mich dann überhaupt nicht belasten." Er brauche den Sauerstoff rund um die Uhr - seit mehr als vier Jahren bereits.

Ferdinand und Rohe waren beide jahrelang starke Raucher, haben eine Schachtel oder mehr pro Tag geleert. Darin sehen Fachleute die wesentliche Ursache der Krankheit COPD. Die Teerstoffe seien für die Zerstörung der Lungenbläschen verantwortlich, erklärt Lungenarzt Petro. Die Lunge sei "ein hochfeines Gebilde von der Fläche eines Tennisplatzes". "Und dieses Gebilde hängen wir bei einem Raucher [...] ein Leben lang in diese Räucherkammer", sagt Petro. "Das kann nicht gut gehen, und es geht auch nicht gut."

Herzversagen als Todesursache
Jedes Jahr sterben in Deutschland Tausende an den Spätfolgen der Krankheit. Experten gehen von einer hohen Zahl unerkannter Fälle aus. Die meisten COPD-Patienten ersticken nicht etwa, sondern ihr Herz versagt. Lungenarzt Petro erklärt, wieso: Eine schlecht belüftete Lunge sei auch schlecht durchblutet und dadurch würden sich die Gefäße verengen. "Das hat eine fatale Folge für das Herz", so der Mediziner. Denn durch die verengten Gefäße müsse die gleiche Menge Blut gepumpt werden. "Das Herz pumpt und pumpt gegen diesen erhöhten Widerstand und macht irgendwann schlapp."

Weltweit ist die Krankheit auf dem Vormarsch. Seit 1990 stieg sie in der Statistik der Todesursachen bereits von Platz sechs auf Rang vier. In den Industrieländern steigen die Sterberaten für COPD schneller als für jede andere Erkrankung. Vor allem Frauen tragen zu der Zunahme bei - entsprechend einer gestiegenen Zahl an Raucherinnen. "In Deutschland rechnet man - die Zahlen schwanken -mit rund acht Millionen Betroffenen", sagt Petro. "Dabei ist lange, lange nicht einmal die Hälfte erkannt, geschweige denn behandelt."

Keine Heilung

Heilen kann man die Krankheit nicht - aber man kann ihr Fortschreiten verzögern. Es gibt Medikamente, die die Bronchien erweitern und den Schleim lösen. Die völlige Abkehr von der Zigarette sei jedoch die effektvollste Methode, betont Petro. "Sie bringt mehr  -als jedes teure Medikament."